Born to be white.
Rassismus und Antisemitismus in der weißen Mehrheitsgesellschaft

Ausstellung, Publikation, Diskussion
Konzept: Rosa Reitsamer und Jo Schmeiser

Dauer: 1. Juni bis 22. Juli 2005
Ort: IG Bildende Kunst, Gumpendorfer Strasse 10-10, 1060 Wien

Künstlerische Arbeiten
Dirty Tones - Fatih Aydogdu (Wien)
Deutsch für Inländer - BUM (Wien)
Schadenfreude - Melissa Gould (New York)
Weißwerden - Anna Kowalska (Wien, Berlin)
Weißes Ghetto - Kanak TV (Köln)
Recolognize Cologne - Kanak TV (Köln)

Vorträge
- Das Gegenteil des Schweigens - Katherine Klinger (London)
- Ein Schwarzer Beitrag zur Dekonstruktion österreichischer Realitäten - Araba Johnston-Artur
(Wien)
- Recently I bought a white hat - Jamika Ajalon (London, Paris)
- Siegfrieds Phobien: Der "arische" Männerbund und die Kastrationsabwehr - Heribert Schiedel (Wien)


Born to be white.
Rassismus und Antisemitismus in der weißen Mehrheitsgesellschaft.

Das Projekt Born to be white in der IG Bildenden Kunst in Wien beschäftigte sich mit Rassismus, weiß-Sein (FN 1) und Antisemitismus. Wenn von Rassismus gesprochen wird, so ist damit meist nur die Benachteiligung von Männern, Frauen und Kindern nicht-weißer Hautfarbe, nicht-westlicher Herkunft oder außereuropäischer Kultur gemeint. Ausgeblendet bleibt in diesem Verständnis von Rassismus die andere und in ihrer unsichtbaren Normalität viel mächtigere Seite des rassistischen Verhältnisses: die Bevorzugung und der Profit von Männern, Frauen und Kindern weißer Hautfarbe, westlicher Herkunft und europäischer Kultur.
Im Mittelpunkt unseres Projekts stand deshalb die Auseinandersetzung mit weißen Identitäten.

"Whiteness" und "Critical Whiteness Studies"
Der Begriff "Whiteness" und die "Critical Whiteness Studies" (CWS) entstanden im Kontext der Black Power Bewegung, der Black und der Postcolonial Studies in den USA mit dem Ziel, Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu analysieren und anzugreifen. Feministinnen, ForscherInnen und AktivistInnen wie etwa bell hooks, Toni Morrison, Ruth Frankenberg oder Richard Dyer machen deutlich, dass Weiße mittels ihres hegemonialen Status Schwarze markieren und terrorisieren, während sie sich selbst als Norm setzen, die scheinbar außer Definition und Frage steht. Obwohl im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren eine verstärkte Auseinandersetzung mit weiß-Sein und den CWS stattfindet, beziehen sich nur wenige weiße Feministinnen wie beispielsweise Martina Tißberger, Ursula Wachendorfer, Eske Wollrad in Deutschland oder Helga Amesberger, Brigitte Halbmayr und Hanna Hacker in Österreich auf die Forschungsarbeiten, die Schwarze Frauen und "women of colour" zu "whiteness" geleistet haben und leisten.

Weiß-Sein sollte in unserem Projekt auf unterschiedlichen Ebenen thematisiert werden. Wir wollten gemeinsam mit den eingeladenen Künstlerinnen, Aktivistinnen und Theoretikerinnen weiß-Sein als eine gesellschaftliche Position, als einen "Ort relativer Privilegierung" (Wollrad) benennen und sichtbar machen, der bestimmte Identitäten, Standpunkte und Sichtweisen hervorbringt.

In der Videoarbeit "Weißes Ghetto" von Kanak TV und der Plakatserie "Deutsch für Inländer" vom Büro für ungewöhnliche Maßnahmen (BUM) werden die Standpunkte und Sichtweisen von Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft thematisiert: BUM wirbt mit bissigen Slogans wie "Ich habe Vorurteile. Du hast Vorurteile. Das ist unser Vorteil" für eine verpflichtende Integrationsleistung von österreichischen MehrheitsbürgerInnen; Kanak TV fragt AnrainerInnen in Köln-Lindenthal, einem wohlhabenden und hinsichtlich der Herkünfte seiner BewohnerInnen sehr homogenen Viertel, wieso in diesem Stadtteil von Köln keine MigrantInnen leben und ob sich die Deutschen abschotten.

Bei weiß-Sein handelt es sich auch um eine Kategorie, die ihre Existenz nur in Relation zu "nicht-weißen Identitäten" hervorbringt. Fatih Aydogdu zeigt mit seiner Soundinstallation "Dirty Tones - 'You don't care'" wie afrikanische, asiatische oder afroamerikanische Musiken und ihre InterpretInnen von westlichen MusikkritikerInnen durch den Begriff "Dirty Tones" homogenisiert und abgewertet wurden. Westliche Musik wird dabei ebenso wie weiße westliche Identitäten überaffirmiert und sozial, juristisch und politisch ständig neu hergestellt.


"Weiß-Werden" und "Siegfrieds Phobien"
Ziel von "Born to be white" war die Kritik an Macht- und Herrschaftsverhältnissen, die Diskussion von Strategien zu deren Abbau und der Entwurf einer egalitären, mehrgeschlechtlichen und transkulturellen Gesellschaft. Die Debatte um weiß-Sein beschränkt sich aber nicht nur auf die weiße Hautfarbe und die westliche oder europäische Herkunft. Sie umfasst auch die notwendige Frage danach, wie weiße Identitäten ort- und gruppenspezifisch zu verorten sind und wie sie historisch hergestellt wurden und werden. Weiß-Sein ist nicht immer, nicht überall und nicht für alle (Weißen) gleich. Es gründet stets auf einer spezifischen Geschichte des Rassismus, des Antisemitismus, des Heterosexismus, der Kolonialisierung und des Imperialismus.

Um nach den Wissenstraditionen fragen zu können, die mit weißer Macht und Herrschaft einhergingen und -gehen, nach den Prozessen ihrer Verfestigung und Tradierung, aber auch nach den Möglichkeiten ihrer Beeinspruchung, verwenden TheoretikerInnen und AktivistInnen oft den Begriff der "Weißheit". In ihrer Fotocollage "Weiß-Werden" zeigt Anna Kowalska, dass "Weißheit" bzw. "weiß-Sein" von den Subjekten aktiv mithergestellt wird und daher als Prozess zu sehen ist, in den auch eingegriffen werden kann. Wichtig ist demnach, weiße Herkunft nicht biologistisch zu denken, sondern als Position, von der aus antirassistische, feministische Politik gemacht werden kann.

In Österreich und Deutschland bedeutet eine historische Verortung weißer Identitäten die Beschäftigung mit der Kolonialgeschichte, dem Nationalsozialismus und der Shoah (FN 2) sowie deren Nachwirkungen in der Gegenwart. Mit der Ausstellung "Born to be white" und der Diskussionsreihe wollten wir zeigen, wie die Erfahrungen von Vertreibung, Emigration und Shoah die Identitäten von Überlebenden und von Nazi-TäterInnen sowie ihren Nachkommen prägen. Die beiden Bilder aus der Serie "Schadenfreude" von Melissa Gould dokumentieren mittels Fotografien erfundener Artefakte - einer Wurzelbürste mit der Aufschrift "Souvenir Wien 1938" und zweier Zahnbürsten mit der Aufschrift "Sara" und "Israel" - die alltägliche antisemitische Hetze während des Zweiten Weltkriegs und ihre besondere Form in der so genannten "Ostmark". Die Künstlerin erinnert daran, wie die SS in Wien und anderen Städten Juden und Jüdinnen zwang, die Straßen mit Bürsten oder Zahnbürsten zu schrubben. "Sara" und "Israel" waren die gesetzlich vorgeschriebenen Namen, die Juden und Jüdinnen in der Zeit des Nationalsozialismus tragen mussten.
Katherine Klinger thematisierte in der Diskussion mit Hannah Fröhlich, wie die Nachwirkungen des Nationalsozialismus und der Shoah die Nachfolgegenerationen der Überlebenden prägen, und welche Unterschiede es im Umgang mit dieser "Vergangenheit in der Gegenwart" in Großbritannien und Österreich gibt; mit Heribert Schiedels Vortrag "Siegfrieds Phobien. Der ‚arische' Männerbund und die Kastrationsabwehr" stand zur Debatte, wie sich NS-Geschlechterrollen ins Heute tradiert haben und wie die NS-Nachfolge-Gesellschaften derzeit mit diesen Rollen umgehen.

"The Ambiguous Nature of Performing Race"
Die mangelnde Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit leistet den Tradierungen rassistischer und antisemitischer Einstellungen Vorschub und tabuisiert die Thematisierung von Rassismen. Daher war und ist es notwendig, die Kolonialgeschichte und die damit verbundenen Rassismen gegen Schwarze Menschen in Österreich und in Deutschland sichtbar zu machen. Mit dem Film "Recolognize Cologne" ruft Kanak TV die verdrängte Geschichte kolonialer Eroberungspolitik Deutschlands am Beispiel Kamerun in Erinnerung. Indem er die heutige Präsenz von Menschen aus den ehemaligen deutschen Kolonien in Deutschland thematisiert, verdeutlicht der Film Kontinuität und Entwicklung von rassistischer Erfassung, Kontrolle, Stereotypen und Klischees, aber auch den Widerstand dagegen.
Araba Johnston-Arthur zeigte in ihrem Vortrag "Das Schwarze Objekt der ‚Andersartigkeit' als Grundlage für weiße österreichische Selbstdefinitionen" wie wirksam gängige Klischeebilder von Schwarzen Menschen sogar in linken antirassistischen und feministischen Kontexten sind. Sie plädierte für eine Auseinandersetzung mit bestehenden dichotomischen Denkmodellen und eine konkrete Kritik an den alltäglichen rassistischen und heterosexistischen Strukturen, die für die weiße Mehrheitsgesellschaft in Österreich konstitutiv sind.

Eine Kritik an weißen Identitäten muss auch die Beschäftigung mit unterschiedlichen Formen der Diskriminierung beinhalten. Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie können nicht unabhängig voneinander analysiert werden. Denn sie entfalten erst in der Überschneidung ihre umfassende Wirkungsmacht. Wie Rassismus, Heterosexismus und Homophobie zusammenwirken thematisierte Jamika Ajalon mit ihrer Performance "Black Chick in the White Hat. The Ambiguous Nature of Performing Race". Sie stellte die provokante Frage "Is there a race problem in Austria?" und bewegte ein hauptsächlich weißes österreichisches Publikum dazu, über die Geschichte und Bedeutung der Begriffe "race" und "Rasse" in Österreich informieren und reflektieren zu müssen.

Das Projekt "Born to be white. Rassismus und Antisemitismus in der weißen Mehrheitsgesellschaft" bediente sich unterschiedlicher Medien und Formen der Auseinandersetzung. Einer Ausstellung. Einer Reihe von Diskussionen und Positionspapieren. Und einer Broschüre, die einen Einstieg in das Thema ermöglichen, wichtige Gedanken festhalten und eigenes Weiterdenken motivieren soll. Wir luden visuelle und textuelle ProduzentInnen ein, zum Thema weiß-Sein Position/en zu beziehen, streitbare Gedanken zu entwickeln und zur Diskussion zu stellen. Unser Interesse galt dabei Arbeiten, die repräsentationskritisch und -politisch sind. Das heißt, Arbeiten, die durch ihre (Bild-)Sprache nicht implizit das wiederholen, was sie eigentlich angreifen wollen, sondern vielmehr das, was sie fordern, bereits als strukturelles Element enthalten.

"Born to be white" ist für uns der Versuch, die privilegierte weiße Mehrheitsposition als Identitätsposition sichtbar und damit kritisierbar zu machen. Dass diese Position als Konstruktion angezweifelt werden kann und muss, ist klar. Dennoch ist die weiße gesellschaftliche Position eine soziale Realität und als solche äußerst wirksam. Auch wenn ich mich nicht als weiße Privilegierte fühle, weil ich doch Feministin bin, queer/lesbisch/schwul bin, seit Jahren gegen Rassismus arbeite, mich mit Antisemitismus auseinandersetze, so werde ich doch als Angehörige/r der weißen, dominanten Mehrheit wahrgenommen. Wir kommunizieren also (nur) ein Bild, mit dem jedoch ganz konkrete Vorteile verbunden sind, wie: auf der Straße nicht ständig angestarrt zu werden, nicht damit rechnen zu müssen, von Neonazis oder rassistischen PolizeibeamtInnen angegriffen zu werden. Identitäten werden zugewiesen, auch wenn wir das nicht wollen. Deshalb gilt es zuallererst, Identitäten zu politisieren, bevor wir uns von ihnen verabschieden können.

Eine kritische Reflexion weißer Identitäten, so sei abschließend festgehalten, ist ohne die Debatte mit den markierten, ethnisierten und rassifizierten "Anderen", den MigrantInnen, Schwarzen Feministinnen und AktivistInnen unmöglich. Das Projekt in der IG Bildende Kunst in Wien war für uns der Anfang einer kontroversiellen Auseinandersetzung zwischen unterschiedlich positionierten AkteurInnen, die bestimmt noch viel Zeit, viele Projekte und viele Debatten in Anspruch nehmen wird.

Rosa Reitsamer und Jo Schmeiser

FN 1: Wir schreiben "weiß-Sein" hier entgegen grammatischer Regeln klein, um nicht eine positive Markierung weißer Identität zu suggerieren, Schwarze oder Jüdische Frauen und Männer hingegen groß, um so ihre Rückaneignung und Umdeutung identitärer Bezeichnungen und Zuschreibungen zu verdeutlichen.
FN 2: Der Begriff der Shoah wird heute vielfach dem des Holocaust vorgezogen. "Holocaust" stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Brandopfer", "Shoah" aus dem Hebräischen und meint "Katastrophe". Eine der Kritiken am Begriff des Holocaust lautet, dass dieser Begriff einen mystischen Grund oder sogar Sinn der NS-Vernichtungsmaschinerie suggerieren würde. Siehe u. a.: Eveline Goodman-Thau, Eine Rabbinerin in Wien. Betrachtungen, Wien 2003.