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Dauer: 1. Juni bis 22. Juli 2005
Das Projekt Born to be white in der IG Bildenden Kunst in Wien
beschäftigte sich mit Rassismus, weiß-Sein (FN 1) und Antisemitismus.
Wenn von Rassismus gesprochen wird, so ist damit meist nur die Benachteiligung
von Männern, Frauen und Kindern nicht-weißer Hautfarbe, nicht-westlicher
Herkunft oder außereuropäischer Kultur gemeint. Ausgeblendet
bleibt in diesem Verständnis von Rassismus die andere und in ihrer
unsichtbaren Normalität viel mächtigere Seite des rassistischen
Verhältnisses: die Bevorzugung und der Profit von Männern, Frauen
und Kindern weißer Hautfarbe, westlicher Herkunft und europäischer
Kultur. Weiß-Sein sollte in unserem Projekt auf unterschiedlichen Ebenen thematisiert werden. Wir wollten gemeinsam mit den eingeladenen Künstlerinnen, Aktivistinnen und Theoretikerinnen weiß-Sein als eine gesellschaftliche Position, als einen "Ort relativer Privilegierung" (Wollrad) benennen und sichtbar machen, der bestimmte Identitäten, Standpunkte und Sichtweisen hervorbringt. In der Videoarbeit "Weißes Ghetto" von Kanak TV und der Plakatserie "Deutsch für Inländer" vom Büro für ungewöhnliche Maßnahmen (BUM) werden die Standpunkte und Sichtweisen von Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft thematisiert: BUM wirbt mit bissigen Slogans wie "Ich habe Vorurteile. Du hast Vorurteile. Das ist unser Vorteil" für eine verpflichtende Integrationsleistung von österreichischen MehrheitsbürgerInnen; Kanak TV fragt AnrainerInnen in Köln-Lindenthal, einem wohlhabenden und hinsichtlich der Herkünfte seiner BewohnerInnen sehr homogenen Viertel, wieso in diesem Stadtteil von Köln keine MigrantInnen leben und ob sich die Deutschen abschotten. Bei weiß-Sein handelt es sich auch um eine Kategorie, die ihre Existenz nur in Relation zu "nicht-weißen Identitäten" hervorbringt. Fatih Aydogdu zeigt mit seiner Soundinstallation "Dirty Tones - 'You don't care'" wie afrikanische, asiatische oder afroamerikanische Musiken und ihre InterpretInnen von westlichen MusikkritikerInnen durch den Begriff "Dirty Tones" homogenisiert und abgewertet wurden. Westliche Musik wird dabei ebenso wie weiße westliche Identitäten überaffirmiert und sozial, juristisch und politisch ständig neu hergestellt.
Um nach den Wissenstraditionen fragen zu können, die mit weißer Macht und Herrschaft einhergingen und -gehen, nach den Prozessen ihrer Verfestigung und Tradierung, aber auch nach den Möglichkeiten ihrer Beeinspruchung, verwenden TheoretikerInnen und AktivistInnen oft den Begriff der "Weißheit". In ihrer Fotocollage "Weiß-Werden" zeigt Anna Kowalska, dass "Weißheit" bzw. "weiß-Sein" von den Subjekten aktiv mithergestellt wird und daher als Prozess zu sehen ist, in den auch eingegriffen werden kann. Wichtig ist demnach, weiße Herkunft nicht biologistisch zu denken, sondern als Position, von der aus antirassistische, feministische Politik gemacht werden kann. In Österreich und Deutschland bedeutet eine historische Verortung
weißer Identitäten die Beschäftigung mit der Kolonialgeschichte,
dem Nationalsozialismus und der Shoah (FN 2) sowie deren Nachwirkungen
in der Gegenwart. Mit der Ausstellung "Born to be white" und
der Diskussionsreihe wollten wir zeigen, wie die Erfahrungen von Vertreibung,
Emigration und Shoah die Identitäten von Überlebenden und von
Nazi-TäterInnen sowie ihren Nachkommen prägen. Die beiden Bilder
aus der Serie "Schadenfreude" von Melissa Gould dokumentieren
mittels Fotografien erfundener Artefakte - einer Wurzelbürste mit
der Aufschrift "Souvenir Wien 1938" und zweier Zahnbürsten
mit der Aufschrift "Sara" und "Israel" - die alltägliche
antisemitische Hetze während des Zweiten Weltkriegs und ihre besondere
Form in der so genannten "Ostmark". Die Künstlerin erinnert
daran, wie die SS in Wien und anderen Städten Juden und Jüdinnen
zwang, die Straßen mit Bürsten oder Zahnbürsten zu schrubben.
"Sara" und "Israel" waren die gesetzlich vorgeschriebenen
Namen, die Juden und Jüdinnen in der Zeit des Nationalsozialismus
tragen mussten. Eine Kritik an weißen Identitäten muss auch die Beschäftigung mit unterschiedlichen Formen der Diskriminierung beinhalten. Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie können nicht unabhängig voneinander analysiert werden. Denn sie entfalten erst in der Überschneidung ihre umfassende Wirkungsmacht. Wie Rassismus, Heterosexismus und Homophobie zusammenwirken thematisierte Jamika Ajalon mit ihrer Performance "Black Chick in the White Hat. The Ambiguous Nature of Performing Race". Sie stellte die provokante Frage "Is there a race problem in Austria?" und bewegte ein hauptsächlich weißes österreichisches Publikum dazu, über die Geschichte und Bedeutung der Begriffe "race" und "Rasse" in Österreich informieren und reflektieren zu müssen. Das Projekt "Born to be white. Rassismus und Antisemitismus in der weißen Mehrheitsgesellschaft" bediente sich unterschiedlicher Medien und Formen der Auseinandersetzung. Einer Ausstellung. Einer Reihe von Diskussionen und Positionspapieren. Und einer Broschüre, die einen Einstieg in das Thema ermöglichen, wichtige Gedanken festhalten und eigenes Weiterdenken motivieren soll. Wir luden visuelle und textuelle ProduzentInnen ein, zum Thema weiß-Sein Position/en zu beziehen, streitbare Gedanken zu entwickeln und zur Diskussion zu stellen. Unser Interesse galt dabei Arbeiten, die repräsentationskritisch und -politisch sind. Das heißt, Arbeiten, die durch ihre (Bild-)Sprache nicht implizit das wiederholen, was sie eigentlich angreifen wollen, sondern vielmehr das, was sie fordern, bereits als strukturelles Element enthalten. "Born to be white" ist für uns der Versuch, die privilegierte weiße Mehrheitsposition als Identitätsposition sichtbar und damit kritisierbar zu machen. Dass diese Position als Konstruktion angezweifelt werden kann und muss, ist klar. Dennoch ist die weiße gesellschaftliche Position eine soziale Realität und als solche äußerst wirksam. Auch wenn ich mich nicht als weiße Privilegierte fühle, weil ich doch Feministin bin, queer/lesbisch/schwul bin, seit Jahren gegen Rassismus arbeite, mich mit Antisemitismus auseinandersetze, so werde ich doch als Angehörige/r der weißen, dominanten Mehrheit wahrgenommen. Wir kommunizieren also (nur) ein Bild, mit dem jedoch ganz konkrete Vorteile verbunden sind, wie: auf der Straße nicht ständig angestarrt zu werden, nicht damit rechnen zu müssen, von Neonazis oder rassistischen PolizeibeamtInnen angegriffen zu werden. Identitäten werden zugewiesen, auch wenn wir das nicht wollen. Deshalb gilt es zuallererst, Identitäten zu politisieren, bevor wir uns von ihnen verabschieden können. Eine kritische Reflexion weißer Identitäten, so sei abschließend festgehalten, ist ohne die Debatte mit den markierten, ethnisierten und rassifizierten "Anderen", den MigrantInnen, Schwarzen Feministinnen und AktivistInnen unmöglich. Das Projekt in der IG Bildende Kunst in Wien war für uns der Anfang einer kontroversiellen Auseinandersetzung zwischen unterschiedlich positionierten AkteurInnen, die bestimmt noch viel Zeit, viele Projekte und viele Debatten in Anspruch nehmen wird. Rosa Reitsamer und Jo Schmeiser FN 1: Wir schreiben "weiß-Sein" hier entgegen
grammatischer Regeln klein, um nicht eine positive Markierung weißer
Identität zu suggerieren, Schwarze oder Jüdische Frauen und
Männer hingegen groß, um so ihre Rückaneignung und Umdeutung
identitärer Bezeichnungen und Zuschreibungen zu verdeutlichen.
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