Rosa Reitsamer / Jo Schmeiser

Geteilte Territorien. Erkämpfte Gemeinsamkeiten.
MigrantInnen und MehrheitsösterreicherInnen im kulturellen Feld

Intro
Geteilte Territorien war der Titel einer Diskussionsreihe, in der die Chancen und Grenzen einer Zusammenarbeit unterschiedlich positionierter gesellschaftlicher AkteurInnen und einer Überschneidung unterschiedlicher Praxisfelder zur Debatte standen. In diesem Beitrag werden wir zum einen über die Reihe, die drei Diskussionsrunden umfasste, berichten und reflektieren. Zum andern wollen wir uns wichtige Fragestellungen zum Thema einer möglichen Solidarisierung und Bündnisbildung von Personen und Gruppen unterschiedlicher Herkünfte, Geschichten, Geschlechter und sexueller Orientierungen herausgreifen und weiterentwickeln. Und nicht zuletzt geht es uns darum, mögliche Schlussfolgerungen für die politische (Kultur-)Arbeit zu ziehen und nach den Voraussetzungen zu fragen, die es braucht, damit antirassistische und antifaschistische queer-lesbisch-feministische Arbeit einen kulturellen Kontext wie Soho in Ottakring nicht nur streift, sondern ihn strukturell und nachhaltig prägt.


Rückblick
Kooperationen zwischen Personen und Gruppen, die in einer hierarchischen Gesellschaft unterschiedlichen sozialen, politischen und ökonomischen Status und demnach auch unterschiedlichen Zugang zu Rechten, Ressourcen und Profiten haben, sind sehr fragile Gebilde. Denn Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Homophobie sind nicht nur Ausdruck von Haltungen oder Handlungen Einzelner. Sie sind historisch gewachsene, globale und lokale Strukturen, die alle Bereiche der Gesellschaft durchziehen und ihre Wirkung auch oft erst in der Verknüpfung und Überschneidung einzelner Diskriminierungsachsen entfalten. Es gibt kein Außerhalb dieser Strukturen. Auch nicht für kleine engagierte Projekte oder Kontexte. Denn diese werden, wenn auch in anderer Weise als die dominanten Zusammenhänge, von den gleichen Asymmetrien, Ein- und Ausschlussmechanismen bestimmt.

Thematischer Ausgangspunkt für die Diskussionsreihe "Geteilte Territorien. Erkämpfte Gemeinsamkeiten. MigrantInnen und MehrheitsösterreicherInnen im kulturellen Feld" war die Frage, wie die gesellschaftlich bestimmten und zugeteilten Positionen, wie etwa die der MigrantIn oder die der MehrheitsösterreicherIn, das Denken, Sprechen und Handeln in einem spezifischen Kontext wie dem Kunst- und Kulturbereich beeinflussen. Uns interessierte und interessiert, wie die Differenzen und Machtunterschiede zwischen den unterschiedlichen AkteurInnen in gesellschaftpolitisch engagierten Kunst- und Kulturprojekten eingeschätzt und dargestellt werden, und welche Strategien die AkteurInnen miteinander entwickelt haben, um strukturelle Diskriminierungen beeinspruchen und unterlaufen zu können. Ein zentraler Aspekt bei der Frage nach der Bedeutung von und dem Umgang mit politischen Praxen und Widerstandsformen im Bereich antirassistisch, antifaschistisch und queer-lesbisch-feministisch engagierter Kulturarbeit war die Kritik an Mechanismen der Vereinnahmung und Verwertung.

Die Diskussionsreihe Geteilte Territorien bestand aus drei Gesprächsrunden mit unterschiedlichen Schwerpunkten. In der ersten Runde, an der Johanna Schaffer, Ishraga Mustafa Hamid, Cornelia Kogoj und Nora Sternfeld als Referentinnen teilnahmen, stand die Auseinandersetzung mit der Repräsentation und Verwertung widerständiger Praxen in Mainstreamkontexten, wie z. B. etablierten Kulturinstitutionen, im Mittelpunkt. Als "Verwertung" definierten wir ein Vorgehen, das antirassistisches oder queer-lesbisch-feministisches Wissen bzw. entsprechende Strategien aneignet, es von seinen politischen Zielen und Kontexten loslöst und vermarktet, ohne dass ökonomisches, kulturelles oder soziales Kapital in den Ursprungskontext zurückfließt. Die Referentinnen diskutierten unter anderem darüber, ob Vereinnahmung und Verwertung per se disziplinierend und normalisierend wirken, oder ob sie auch das Potenzial haben, widerständige Praxen etablieren zu helfen und damit gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken.

Die zweite Gesprächsrunde von Geteilte Territorien, an der Hanna Hacker, Radostina Patulova, Petja Dimitrova und Luisa Ziaja als Diskutantinnen teilnahmen, war der Auseinandersetzung mit egalitären Strukturen und Programmen gewidmet. Hier ging es darum, bestehende Konzepte und Maßnahmen zur Verankerung egalitärer, nicht-sexistischer, nicht-antisemitischer, nicht-rassistischer und nicht-homophober Strukturen im Bereich der Ausbildung, Produktion und Präsentation künstlerischer und wissenschaftlicher Arbeit einem kritischen Blick zu unterziehen. Dabei wurde der Fokus nicht nur auf die so genannten "großen Programme" wie beispielsweise dem Gender oder Diversity Mainstreaming gelegt, sondern vielmehr die Aufmerksamkeit für das eigene Arbeitsumfeld der SprecherInnen geschärft. Es ging darum, Wissen nach Möglichkeit auszutauschen und bestehende Ansätze zur Herstellung von egalitären Strukturen kontextspezifisch weiter zu denken. Unter anderem wurde die Frage aufgeworfen, wo Solidarisierungsmomente zwischen unterschiedlich positionierten Personen liegen und wo diese in Überlegungen für strukturelle Veränderung übergehen.

Die dritte Gesprächsrunde von Geteilte Territorien fand im Rahmen der Ausstellung "Interventionen gegen Rassismen" in der IG-Bildenden Kunst statt und fokussierte mögliche Formen der gleichberechtigten Zusammenarbeit unterschiedlicher AkteurInnen in der queer-lesbisch-feministischen antirassistischen Praxis. Die eingeladenen Referentinnen, Rubia Salgado von MAIZ, dem autonomen Zentrum von und für Migrantinnen in Linz, Marty Huber vom Rosa Lila Tip der Lesben- und Schwulenbewegung in der Rosa Lila Villa in Wien und Beatrice Achaleke von der Schwarzen Frauen Community für Selbsthilfe und Frieden in Wien diskutierten zum Thema, wie Bündnisse und Zusammenschlüsse zwischen unterschiedlich marginalisierten bzw. privilegierten Personen und Gruppen in Österreich aussehen. Sie debattierten unter anderem die Potenziale und Gefahren von Überschneidungen des kulturellen und des politischen Feldes. Und sie sprachen auch über die aktuelle Fragestellung, welchen Stellenwert die Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der antirassistischen queer-lesbisch-feministischen Praxis einnimmt und einnehmen sollte.


Reflexion
Vor allem in der dritten Gesprächsrunde der Reihe zeigte sich jenes Dilemma, mit dem jede gesellschaftlich marginalisierte Gruppe konfrontiert ist, am deutlichsten: Besteht sie auf ihrer Differenz, wird sie über diese definiert und schlussendlich meist darauf reduziert. Beharrt sie umgekehrt auf ihrer Gleichheit, werden notwendige Förderprogramme und Maßnahmen von der Dominanzgesellschaft sogleich wieder entzogen. Die Frage, die gestellt werden muss, lautet also: Wie können wir in der antirassistischen, antifaschistischen und queer-lesbisch-feministischen Praxis mit Differenzen umgehen, ohne diese zu naturalisieren und festzuschreiben? Und wie können wir im selben Atemzug Gleichheit für alle, und auf allen gesellschaftlichen Ebenen, fordern, ohne dadurch ins reaktionäre Fahrwasser eines bevormundenden Humanismus zu geraten, der die strukturellen Vorrechte und Privilegien der dominanten weißen, männlichen, heterosexuellen und nicht-Jüdischen Gruppen in der Gesellschaft unhinterfragt und unangetastet lässt?

Eine Kritik an unserer Veranstaltungsreihe lautete, dass die Auseinandersetzung mit Antisemitismus keine Rolle spiele, ja, dass der Antisemitismus in der Aneinanderreihung unterschiedlicher Diskriminierungsachsen untergehe und letztlich auch grob verharmlost würde, wie im Übrigen auch all die anderen im Konzept aufgeführten Diskriminierungen. Die Kritik kam von Seiten eines/einer ReferentIn, die/den wir auf das dritte Podium geladen hatten, um die Frage nach der (Un-)Möglichkeit von Zusammenschlüssen und Bündnissen gesellschaftlich unterschiedlich Positionierter auch aus der Sicht von Jüdischen Frauen und Männern in Wien zu thematisieren. Die/der ReferentIn wies uns zudem darauf hin, dass über die Auseinandersetzung mit dem Israel-Palästina-Konflikt in Zusammenarbeiten zwischen MigrantInnen und MehrheitsösterreicherInnen oft unhinterfragt antisemitische Strukturen reproduziert werden. Wir nahmen beide Kritikpunkte sehr ernst, überprüften unseren Ansatz und stellten sie in der dritten Veranstaltung der Reihe zur Debatte.

Tatsächlich hatten wir in unserem Konzept festzuhalten verabsäumt, dass Antisemitismus nicht einfach eine Form der Diskriminierung ist. Dadurch reproduzierten wir die in Österreich gängige Ansicht, Antisemitismus sei eine spezielle Art des Rassismus, was einer problematischen Subsumierung gleichkommt. Denn während der Rassismus primär die Ausbeutung der Diskriminierten bezweckte und bezweckt, war das Ziel des Antisemitismus im NS die Vernichtung von Juden und Jüdinnen. Und generell stellten wir zudem auch fest, dass die Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der antirassistischen queer-lesbisch-feministischen Praxis in Österreich tatsächlich nur am Rande vorkommt. Zwischen antirassistischen und antifaschistischen Gruppen gibt es hierzulande bisher wenig Austausch oder Zusammenarbeit.

Wir denken, dass gerade in Österreich die Auseinandersetzung mit Antisemitismus, mit der Geschichte des NS und der Shoah, sowie mit deren Nachwirkungen auf die Nachkommen beider Seiten (von Überlebenden; von TäterInnen und MitläuferInnen) in der Gegenwart für die antirassistische queer-lesbisch-feministische Kulturarbeit zentral ist. Doch sind wir ebenso der Meinung, dass unterschiedliche Diskriminierungsachsen gleichzeitig gedacht und in Bezug aufeinander analysiert werden müssen. Denn zum einen ist die Wirkungsmacht unterschiedlicher Diskriminierungen und ihrer Gewaltformen auch an deren Schnittstellen zu bekämpfen. Und zum anderen geht es darum, Solidarisierungsmomente zu ermöglichen und zu nützen, um gemeinsame Politiken bei aller Unterschiedlichkeit zwischen den einzelnen AkteurInnen zu entwerfen.

Resumee
Wie können nun Unterschiede in der antirassistischen queer-lesbisch-feministischen Praxis anerkannt werden? Wie lassen sich Solidarisierungsmomente politisieren? Wie kann Gleichheit gefordert werden, wenn asymmetrische Verhältnisse, unter anderem in der Verteilung von Ressourcen, auch engagierte Kontexte regieren? Zuerst, so meinen wir, sind die spezifischen SprecherInnenpositionen und politischen Praxen historisch und lokal zu verorten. Für uns als Weiße Mehrheitsangehörige ohne Jüdischen Hintergrund und Migrationsgeschichte bedeutet das zum Beispiel die Auseinandersetzung mit unserem Weiß-Sein. Der Begriff des weiß-Seins (whiteness) wurde von feministischen Migrantinnen geprägt, um Macht- und Herrschaftsverhältnisse analysieren und angreifen zu können. Vor allem Schwarze Feministinnen zeigten und zeigen, wie Weiße Schwarze markieren, während sie sich selbst als Norm setzen, die vermeintlich außer Definition und Frage steht. Weiße Ethnizität zu thematisieren heißt somit, die hegemoniale Stellung von MehrheitsbürgerInnen zu entnaturalisieren und strukturell verankerte Privilegien sichtbar zu machen. Es bedeutet die kontextuelle Befragung der kulturellen und politischen Konstruktion weißer Identität auf individueller und kollektiver Ebene und an einem bestimmten Ort, z.B. in jenem Österreich, das 2005 lieber 50 Jahre Staatsvertrag als 60 Jahre Befreiung vom NS feiert.

Bleibt also abschließend die Frage nach unseren Schlussfolgerungen für die politische (Kultur-)Arbeit, für ein Projekt wie "Soho in Ottakring". Welche Voraussetzungen sind notwendig, damit antirassistisches und antifaschistisches queer-lesbisch-feministisches Wissen einen kulturellen Kontext wie Soho nachhaltig strukturell beeinflusst? Grundvoraussetzung ist zweifellos die Repräsentation von MigrantInnen, Frauen, Lesben, Queers, Jüdischen Frauen und Männern in Leitungsfunktionen, und das in allen Phasen des Projekts: der Konzeption, der Planung und Organisation, der Durchführung und der Präsentation. Zudem muss über Bedingungen und Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zwischen gesellschaftlich privilegierten und marginalisierten Gruppen verhandelt werden, und entsprechende Vereinbarungen und Strukturen sind zu schaffen. Eine weitere zentrale Voraussetzung ist die Ebene der Repräsentationskritik. Veränderungen auf struktureller Ebene müssen unter anderem von entsprechenden Text- und Bildpolitiken begleitet werden, damit keine Wiederholung rassistischer, heterosexistischer, antisemitischer oder homophober Stereotypen auf individueller oder kollektiver Ebene stattfindet.