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Der Aufschrei in den Medien war groß, als Jugendliche Ende der
80er begannen, Lagerhäuser in London und Umgebung zu besetzen und
sie mit Musik mit wiederkehrenden Rhythmen zu beschallen. Jugendkultur
hatte eine neue Ausdruckform gefunden, die unter dem Begriff Techno firmierte.
Die Antwort des Staates ließ nicht lange auf sich warten: Im Herbst
1994 setzte die konservative britische Regierung mittels Criminal Justice
Bill ein Gesetz durch, das neben HausbesetzerInnen auch die OrganisatorInnen
und TeilnehmerInnen von Raves, die ohne behördliche Genehmigung durchgeführt
wurden, kriminalisiert.
Der Cultural Studies-Theoretiker Dick Hebdige behauptet, dass jugendliche
Subkulturen aus der Summe all jener Versuche bestehen, sie zu definieren,
wegzuerklären, zu verleumden, zu romantisieren und zu bestrafen.
Subkulturen werden durch Verleumdung und Gegen-Kampagnen genauso konstruiert
wie durch die Jugendlichen auf der Straße selbst. Von Techno als
Subkultur zu sprechen, wäre nach all den Ausverkaufstendenzen und
Hypes wohl eine Fehleinschätzung, jedoch hat dieses jugendkulturelle
Phänomen eine Gemeinsamkeit mit sämtlichen anderen: Frauen werden
selten wahrgenommen und wenn, dann als "Zierde".
Nation, Tribe and Family
Was sich in den 70ern in vornehmlich von AfroamerikanerInnen und Schwulen
geprägten Discos von Chicago und New York als Disco und House etabliert
hat und untrennbar mit dem Namen Frankie Knuckles und Larry Levan verbunden
ist, wurde Anfang der 80er von den Detroiter Produzenten Juan Atkins und
Richard Davis um elektronisch-avantgardistische Musikelemente und die
Auseinandersetzung mit modernen Technologien erweitert. Innerhalb der
House-Szene war Toleranz gegenüber jeder Art von Sexualität,
Herkunft und Ethnie ein Kernelement ebenso wie im Detroit-Techno, dessen
Grundidee durch das Cybotron-Projekt - eine Verbindung zwischen Mensch
und Maschine - seinen Ausdruck fand. Detroit Techno entstand in den 80ern
als Antwort auf die Niedergangserscheinungen der nordamerikanischen Automobilindustrie.
Die dadurch entstandene Spannung, diese spezielle Form der Aggression,
wurde in der Musik reflektiert - "Der Synthesizer wurde zur Waffe".
(Derrick May) Technologie ermöglichte neue Freiheiten, Selbstbestimmung
und die Vorstellung der Überwindung von Hierarchien.
Anfang der 90er Jahre hielt die Techno-Bewegung in Deutschland Einzug.
Es wurden Love Parades veranstaltet, Techno-Magazine wie Frontpage
und Groove gegründet und Pamphlete verfasst. Jürgen Laarmann,
Herausgeber des 1997 eingestellten Frontpage, prägte den Begriff
der "raving society" - "Eine ravende Gesellschaft mit lauter
glücklichen Leuten, die mit ihrer Identität und Funktion zufrieden
sind, genügend Spaß, gute Laune, Sex, gesundes Urteilsvermögen,
hohes Selbstbewusstsein etc. haben, ist unser Ideal, dem wir näherkommen."
(Laarmann, in: Philipp Anz und Patrick Waldner (Hg.): Techno, Zürich
1995). Und Dr. Motte, Love-Parade-Organisator der ersten Stunde, erklärte
für die Berliner Love Parade 1996 die Notwendigkeit "nicht gegen
etwas zu sein, sondern für etwas", nämlich Nation, Tribe
und Family einerseits und Love, Peace and Unity andererseits. 2001 verkam
die Love Parade unter dem Motto Join The Love Republic zu einer
kommerziellen Veranstaltung, die von einer GmbH organisiert wurde, an
der u.a. auch Motte beteiligt ist. Bei seiner Love-Parade-Ansprache plädierte
er, durch die brutalen Polizeiübergriffe auf die DemonstrantInnen
in Genua inspiriert, dafür, die Love Parade 2002 wieder als Demonstration
anzumelden. Durch die "verbindende Kraft der Musik" - für
Friede, Freude, Eierkuchen - scheint nicht nur die Anmeldung einer Demonstration
bei der Polizei möglich zu sein, sondern auch die Umwidmung der GmbH
in eine Stiftung, um wieder eine "nicht profitorientierte Struktur"
aufzubauen. Für Albert Kuhn (Anz/Walder 1995) erfüllt die Technoszene
sogar "die wichtigsten Merkmale, wie sie Karl Marx 1848 im Manifest
der Kommunistischen Partei aufgestellt hat". So steht neben der
Aufhebung des Privateigentums - die Tanzenden würden nichts weiter
als ihr verschwitztes Leibchen am Körper tragen - auch die Abschaffung
der Nation und die Aufhebung der Familie bzw. bürgerlichen Ehe.
Das höchste Gut auf Erden - glücklich und zufrieden - erreichen
wir durch den Besuch von Clubbings und Love Parades, denn dort sollten
neue soziale Räume erschlossen und kollektive grenzüberschreitende
Erfahrungen gemacht werden. Kategorien wie Herkunft, Geschlecht und Hautfarbe
schienen für die "Gründerväter" der deutschen
"raving society" à la Motte und Laarmann überwunden,
und die anfängliche Toleranz der us-amerikanischen Disco- und House-Szene
in den 70ern hinsichtlich Homosexualität, Herkunft und Ethnie wurde
durch Nation, Tribe und Family ersetzt. Hinter den Begriffen "Nation"
und "Family" sollte nicht mehr die Ideologie der patriarchale
Kernfamilie mit ihren geschlechtsspezifischen Rollenzuweisungen und der
auf neoliberale Abschottungspolitik ausgerichtete Nationalstaat stehen,
sondern ein kollektiver Unisex-"Rave-Körper" und eine Techno-Community
ohne Vaterland.
Löbliche Ideen und hehre Ansprüche. Nur die Umsetzung dieses
Spiels mit Geschlechtsidentitäten scheint gescheitert. Viele Frauen
klagen über die penetrante Anmache in den Clubs, und auf den Flyern
finden sich nicht selten sexistische Sujets. Und von einem Ende des Vaterlandes
kann wohl kaum die Rede sein, wenn DJ-Jobs mehrheitlich an Männer
vergeben werden. Beispielsweise sorgte beim 10-Jahres-Fest des Electronic-Magazines
groove nur männliche DJ-Intelligenz für die Musik. "Wo
ist da das Hirn?", fragt sich Electric Indigo, eine der wenigen international
renommierten DJ-Frauen. "Solange es keine Selbstverständlichkeit
gibt, weibliche DJs einzuladen, ist Networking unter Frauen umso wesentlicher.
Und je mehr Frauen es gibt, die auflegen, umso mehr Nachwuchs wird kommen."
Mit female pressure
schuf sie eine mittlerweile umfangreiche und bekannte Datenbank, in
der sich DJ-Frauen und Produzentinnen vernetzen können. Drei Jahre,
nachdem die Datenbank ins Leben gerufen wurde, und einige female-pressure-Parties
später resümiert sie: "Ich finde, die Datenbank wird immer
potenter. Wenn female pressure ein Verband von hauptsächlich
gutaussehenden Mädchen wäre, die alle ganz gut auflegen, hätte
keiner was dagegen. Aber wenn Vernetzung immer mehr zu einem Instrument
wird und die mediale Resonanz auch zunimmt, fühlen sich immer mehr
Leute auf den Schlips getreten. Mädchen und Frauen, die gerade beginnen,
aufzulegen, bekommen Bedeutung, weil es female pressure gibt. Und
dann heißt es: Sie können nicht mixen und machen sich trotzdem
schon wichtig! (lacht)"
Downtempo & Missionarsstellungen
In Wien wälzten sich 2001 zur Love Parade einige Tausend Menschen
inmitten von tonnenschweren Trucks mit lauter Musik durch die Stadt. In
diesem Jahr fanden gleich zwei Free Parties statt: free re:public
vs. love parade. Die Veranstalterin von free re:public war
Volkstanz.net, die es sich seit
dem ersten Regierungsantritt von Schwarz-Blau zur Aufgabe gemacht hatten,
die Wiener Szene mit ihrem vielzitierten Downtempo aus ihrer jahrelangen
Lethargie zu holen und zu politisieren. Und so war auch free re:public
nicht nur als politischer Umzug gegen die Regierung zu verstehen, sondern
auch als Gegenveranstaltung zur aus Berlin importierten und entpolitisierten
Love Parade. Aber der Politisierungsgrad der Wiener Szene scheint seinen
Höhepunkt überwunden zu haben. Wenn sich DJs und Clubbetreiber
gegen die Regierungspolitik von ÖVP und FPÖ aussprechen, meint
das noch lange nicht, auch gegen den Sexismus und Rassismus in den eigenen
Reihen vorzugehen. So wurde beispielsweise das Sequence Network Festival
Vienna im August 2001 mit Plakaten und Flyern beworben, auf denen
Ken und Barbie in Missionarsstellung zu finden sind. Electric Indigo:
"Im Endeffekt steckt eine sexistische Haltung dahinter. Und beim
Programm ist mir sofort aufgefallen, dass die Frauen, die eingeladen wurden,
bis auf eine ohnehin in Wien ansässig sind. Die Leute, die man einfliegt,
sind - bis auf DJ Catya aus Köln - alles Männer. Da gäbe
es noch Verbesserungsmöglichkeiten, bis es zu einer Ausgeglichenheit
kommt." In Anbetracht der Tatsache, dass der Frauenanteil an DJ-Jobs
in Wien bei sieben Prozent liegt, die ÖVP-FPÖ-Regierung einen
Frauenanteil von 25 Prozent vorzuweisen hatte, sollten die Veranstalter
Verbesserungsvorschläge dankend annehmen, wenn sie nicht gänzlich
ihre Glaubwürdigkeit verlieren wollen. Und im Bereich der Veröffentlichungen
sieht die Präsenz von Frauen noch ernüchternder aus: Im Jahr
2000 wurden 100 Releases über den Plattenladen Black Market
vertrieben, davon war eine einzige Veröffentlichung von einer Frau,
nämlich von Electric Indigo. (Zahlen von Volkstanz.net).
Versuchten die Veranstalter anfangs, Clubbings mit abstrakten Grafiken
zu bewerben, kehren nun verstärkt naturalistische Darstellungen von
sexualisierten Frauen zurück. Natalie Brunner, FM 4-Moderatorin,
erklärt die Darstellungen so: "Grundsätzlich ist es bei
Flyern so, dass, ähnlich wie in der Werbung für Waschmittel,
ein Produkt mit weiblicher Sexualität verkauft wird. Dabei wird sie
in ihrer Repräsentation auf Rollen festgeschrieben. Wenn eine Party
mit Jugendkultur und diese wiederum mit Konsumkultur gleichgesetzt wird,
ist es sehr wahrscheinlich, dass auf Flyern Bilder zu finden sind, die
denen in der Werbung sehr ähnlich sind. Alle sind jugendlich, aktiv,
sexy, hemmungslos und schön." Flyer mit Pin-Up-Motiven aus den
60ern, Manga-Mädchen und jamaikanische Pornos zählen zum Status
Quo bei Flyern der Wiener Szene. Darüber hinaus haben Kruder &
Dorfmeister, die Vorzeigemusiker aus Österreich im Bereich der elektronischen
Musik, bei ihrem g stone book mit dazugehöriger CD auch nicht
mit halbnackten Frauen in lasziven Posen gegeizt. - Frauen werden zu Musen,
die den Jungs ihre Zeit versüßen sollen - soviel zur Auflösung
der "Family" als sozialer Platzanweiser.
Enter Female Club Culture
Hinter den DJ-Decks finden sich mehr Männer als Frauen, die Tanzflächen
scheinen auch nicht das geschlechtslose Paradies zu sein und Clubs werben
mit sexistischen und rassistischen Sujets. Eigentlich keine attraktiven
Aufforderungen, um als Frau in Begeisterungsrufe auszubrechen. Dennoch
stellt sich die Frage, wieso die Veranstaltergrundregel - Wenn die Frauen
kommen, kommen die Jungs automatisch - heute besser funktioniert denn
je.
Für die Cultural-Studies-Forscherin Angela McRobbie liegt die Antwort
u.a. in der Bedeutung des Tanzes für Frauen. Tanz und Weiblichkeit
waren bis vor kurzem so sehr miteinander verknüpft, dass es für
Jungs als eine unglückliche Stufe des Anbaggerns galt und sie sich
der Lächerlichkeit aussetzten. Heute stellen sie gerne ihre fitnessgestählten
Körper in engen T-Shirts zur Schau und versuchen durch einstudierte
Tanzschritte zu beeindrucken. Amina Handke beschreibt ihre Beobachtungen
als DJ so: "Frauen tanzen immer zuerst und zu mehreren. Sie erobern
die Tanzfläche und machen die Stimmung. Später kommen dann die
Männer. Sie tanzen einzeln und brauchen ein Publikum. Sie wollen
zeigen, dass ihnen die Musik gefällt oder auch, dass sie die Nummer
kennen und auf der richtigen Veranstaltung sind." Tanzen, resümiert
McRobbie, scheint für Frauen eine Fluchtmöglichkeit zu sein,
in der sie den Vorstellungen, wie sie zu sein hätten und empfinden
sollten, entkommen können. Es vereint eine positive sexuelle Ausdrucksform
mit anderen typisch weiblichen Vergnügen wie sich schminken und fein
machen. Um sich dem Tanzvergnügen in aller Ruhe hingeben zu können
oder auch ungestört mit Freundinnen Zeit zu verbringen, schlüpfen
immer mehr Frauen in die Rolle der Veranstalterinnen und bieten Women-Only-Clubbings.
Vorreiterinnen der weiblichen Clubkultur in Wien war das Trio female
planet. Sie veranstalteten Mitte der 90er Frauenfeste mit professionellen
House-, Techno- und HipHop-DJs und beeindruckten mit originellen Flyern.
Darauf folgten Female Interruption, organisiert von ain't she,
Ladyshave von p.K.one ins Leben gerufen und der Cosy Club.
Letzterer lud ins Beisl des Wiener FrauenLesbenMädchenZentrums zu
gemütlichen Sofa-Sounds; nicht zu vergessen die 2001 beliebten monatlichen
Clubbings der Frauen-Sexshopbesitzerin MarG im Why Not ... Women Only!
Vor mittlerweile einem Jahr begannen Frauen mit dem Club Hot Stuff:
Funky House 4 Funky Women im U96. Sie bieten gleich zwei Tanzflächen
mit Musik aus den 70ern und 80ern sowie House und Dancefloor. Ebenfalls
vor knapp einem Jahr wurde Quote zum ersten Mal veranstaltet. Die
Quote-DJ-Frauen legen Queercore, Indie, Soul, House und Hip Hop
auf und haben es sich zum Ziel gesetzt, Quote als Ort zu institutionalisieren,
um zumindest einmal pro Monat einen von Frauen gestalteten Abend zu haben.
Quote findet ab März 2003 monatlich im Fluc am Praterstern
statt. Der Salon Temptation im Cheek2Cheek wirbt mit Tanzmusik
der etwas anderen Art: "Be prepared for another unforgettable night
with phantastic music form the roaring 1920's to the swinging 1960's"
wirbt der Flyer und hat bisher zweimal "all sorts of lesbians, queer/straight
women and their friends" in Abendkleidung zum Tanzen gebeten. Im
April 2003 wird das rhiz ein Monatsprogramm präsentieren,
das wie Organisatorin Christina Nemec sagt kein "Frauenmonat"
werden wird. Vielmehr will sie zeigen, dass es ohne besondere Anstrengung
möglich ist, ein Programm mit Frauen aus der elektronischen Musik
zusammen zu stellen, "ohne dass sie erst erfunden werden müssen."
Zu sehen und zu hören sind u.a. DJ Shroombab, Solu und Mortenson
aus Barcelona, die aus Nürnberg stammende Poptheoretikerin Tine
Plesch wird lesen und auflegen, Kessylux mit Skizze, sowie die Homepagepräsentation
von Female Sequences und die Zeitschriftenpräsentation von Fiber.
Auf die unterschiedlichen Veranstaltungen aus den Bereichen Sound, Paper
und Visuals darf sich Frau heute schon freuen!
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