Call
them to be awake!
Ursula Rucker im Interview mit Rosa Reitsamer
Ursula Rucker, die Spoken-Word-Poetin, nimmt sich kein Blatt vor den Mund.
Ihr Debutalbum Supa Sista
wird von Themen wie Rassismus, Vergewaltigung und Kindesmissbrauch
dominiert. Überzeugend ist nicht nur ihre Stimme, sondern auch ihre
scharfen Analysen.
Wie ist die Stimmung
nach dem 11. September in New York?
Die Menschen sind geschockt und fürchten sich. Sie versuchen herauszufinden,
ob sie sich mit dem System solidarisieren oder dagegen auftreten sollen.
Gleichzeitig gibt es viele, die denken, daß die USA eine Politik
in Afghanistan, Iran und Irak unterstützt hat, die nicht in Ordnung
war. Die Anschläge waren ein Vergeltungsschlag. Das macht es nicht
besser und auch nicht richtig. Viele fühlen sich sehr kraftlos, klammern
sich nun am Patriotismus fest und schwingen die amerikanische Flagge.
Aber es gibt keine Sicherheit mehr, nirgends. Es macht also nichts
Die USA bombardieren
Afghanistan. Wie denkst du darüber?
Das ist sehr traurig, und ich wünsche mir, sie hätten es nicht
getan. Mein Herz ist gebrochen, und ich fürchte mich, weil meine
Kinder und mein Mann in Philadelphia sind. Sie sind zu Hause, und ich
bin nicht bei ihnen.
Viele unschuldige Menschen werden sterben, auch wenn sie sagen, daß
sie ihr Bestes geben, um Unschuldige nicht zu verletzen. Aber das wird
nicht sein. Es ist enttäuschend, dass die USA diese Aktionen setzen.
Sie würden das Gesicht verlieren, wenn sie nichts unternommen hätten.
Letztlich geht es nur um das, und ich werde es nicht unterstützen.
Ich werde den Krieg nie unterstützen, nie.
Du hast das Album Supa Sista der Welt
gewidmet und hoffst, daß die Menschen deine Musik hören. Wie
bringst du sie dazu, dass sie dein Album hören?
Ich schreibe, wie ich mich fühle und wie ich über die Welt denke.
Das biete ich den Menschen zum Hören und Verstehen an und vielleicht
können wir zusammen etwas positiv verändern. Ich weiß,
das klingt idealistisch, aber wenn ich nicht daran glauben würde,
wäre mein Leben bedeutungslos. Und das werde ich nicht zulassen.
Die CD ist, was ich bin und wie ich versuche, Klarheiten über die
Dinge um mich herum zu bekommen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass
ich das Publikum wach rütteln kann. Das ist es, was ich versuche
zu tun. Die Menschen sollen wach und bewußt werden, um Dinge wahrzunehmen
und Klarheiten zu finden, in einer Zeit, wo die Dinge nicht so klar sind.
Eignen sich Spoken-Word-Performances
zum Wachrütteln von Menschen?
Ich glaube, dass Gedichte etwas sind, von dem Menschen eher Abstand nehmen.
Aber wenn sie mit Musik unterlegt werden, sind sie weicher. Das was du
sagen willst, ist in der Musik verpackt, es schleicht sich ein. Und es
funktioniert. Ursprünglich war es nicht meine Intension, Spoken-Word-Performances
zu machen. Ich wollte nur Gedichte und Gedichtbände schreiben. Aber
nachdem ich der Aufforderung eines Freundes gefolgt bin, habe ich gemerkt,
dass mir die Leute zu hören. Sie teilen etwas mit mir und wir kreieren
ein offenes Forum. Wir kommunizieren. Das ist sehr wichtig, denn viele
Leute reden nicht miteinander. Spoken-Word-Performances können ein
Weg sein, um Menschen dazu zu bewegen, miteinander zu sprechen. Durch
die Kommunikation können Grenzen überschritten und gemeinsame
Aktionen für eine Veränderung entwickelt werden.
Was möchtest du
den Menschen sagen?
Das wichtigste ist, dass Menschen ein Interesse entwickeln, um herauszufinden,
was in der Welt vor sich geht. Es geht nicht darum, ihnen zu sagen, was
sie wissen sollten. Die meisten wissen überhaupt nichts, weil sie
in ihrer kleinen Welt leben und keinerlei Interesse haben. Sie sollten
sich nicht nur über ihr eigenes Leben bewußt werden, sondern
auch Interesse für das Leben anderer Menschen entwickeln und für
die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir
leben.
Wie können sich Dinge verändern?
Der einzige Weg, wie sich etwas verändern kann, ist, daß mehr
Menschen eine aktive Rolle einnehmen. Die Mehrheit ist uninformiert und
oberflächlich, und sie glaubt, dass sie sich vorwärts bewegt.
Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Es gibt keine Individualität.
Die Ideen sind immer wieder die gleichen. Die Musik hört sich gleich
an, die Videos sehen gleich aus
wie Dollar, die zirkulieren und
getauscht werden.
Ursula Rucker: Supa
Sista (!K7/Zomba)