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Thank God I'm Fired!
Le Tigre im Interview mit Rosa Reitsamer

Bikini Kill, Anfang der 1990er die Vorzeigeband der US-amerikanischen Riot-Grrrl-Bewegung, hat sich verändert. Aus Bikini Kill ist mit einer Zwischenstation bei Julie Ruin nun Le Tigre geworden. Le Tigre sind nach ihrem Debutalbum Self Titled und der Nachfolgeveröffentlichung From The Desk of Mr. Lady nun Kathleen Hana, Johanna Fateman und JD Samson.
Was wollt ihr den Menschen mit eurem neuen Album Feminist Sweepstakes sagen?

Johanna: Wir wollen den Menschen unsere Musik zum Geschenk machen. Es ist uns wichtig, eine aktive Haltung einzunehmen und nicht nur in ein Stereotyp von feministischer Musik zu verfallen, die sich selbst als oppositionell und reaktive porträtiert.
Kathleen: Wir verwenden das Wort "feministisch" im Titel unseres Albums, weil Feminismus unser Leben auf positive Weise verändert hat. Feministische Ideen sollen in der Gesellschaft wesentlich mehr Platz einnehmen.
Johanna: Grundsätzlich wollen wir Ideen und Werte repräsentieren, die in der Mainstream-Kultur ausgelöscht wurden und Menschen ansprechen, die ein radikales und marginalisiertes Leben führen. Ein großer Teil des Albums behandelt Unterdrückungen in all ihren unterschiedlichen Ausprägungen. Der Song On Guard erzählt beispielsweise von den tagtäglichen Ärgernissen und er soll Frauen und Queers ermutigen, wütend zu werden, wenn sie in der Öffentlichkeit belästigt und diskriminiert werden.
Manchmal fragen uns Leute, ob wir nicht das Gefühl von Ineffizienz haben, weil wir immer wieder den bereits Bekehrten predigen, die Menschen sollen sich verändern. Wir antworten dann, genau das ist unsere Intension. Wir wollen zu den Menschen in unserer Community sprechen.
Auf Feminist Sweepstakes finden sich die Abkür-zungen von Songtitel wie TGIF und FYR. Was be-deuten sie?

Johanna: TGIF steht für "Thank God I'm Fired". Der Song wurde für eine Freundin geschrieben, die einen demoralisierenden Job hat und sich von Autoritäten erniedrigen lassen muss. FYR bedeutet "Fifty Years of Ridicule" (Anm.: 50 Jahre des Spotts) und ist eine Phrase der feministischen Theoretikerin Shulamith Firestone, die das Buch "Die Dialektik der Geschlechter" geschrieben hat. Sie beschreibt den Spott, der unmittelbar einer progressiven Phase der gesellschaftlichen Veränderung folgt. In den Vereinigten Staaten wird das insofern illustriert als Feministinnen als "p.c." oder "politisch unkorrekt" bezeichnet werden, weil Feminismus als altmodisch, zensurierend und lustlos wahrgenommen wird. Wir wollen zeigen, dass diese Repräsentation unserer Kultur als Postfeministinnen falsch ist und unsere politischen Realitäten nicht im geringsten reflektiert.
Feminist Sweepstakes erscheint in Europa auf dem Label von Chicks On Speed. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

JD: Wir veröffentlichen unsere Musik auf unabhängigen Plattenlabels (Mr. Lady in den USA und Chicks On Speed in Europa), weil wir glauben, dass es politisch integer ist mit anderen Frauen zusammenzuarbeiten, denen experimentelle feministische Kunst ein Anliegen ist. Wir bevorzugen es, Teil eines ökonomisch stabilen Underground zu sein und ihn zu unterstützen, indem wir versuchen, innerhalb dieser vernetzten Rockstrukturen zu arbeiten, anstatt unsere Kunst, unsere emotionale Gesundheit und die Langlebigkeit der Band zu kompromittieren. Neben des ökonomischen Aspekts in unserer Zusammenarbeit mit Chicks On Speed haben wir eine künstlerische Affinität zu ihnen. Wir teilen die Respektlosigkeit gegenüber elektronischer Musik. Wir fürchten uns nicht vor Maschinen und davor, Risiken auf uns zu nehmen. Niemand von uns ist an einer ursprünglichen Produktion, der Rock-musik interessiert. Wir fühlen uns vielmehr der Frage der Präsentation von in erster Linie vorpro-grammierter Musik verpflichtet. Obwohl wir völlig unterschiedlich klingen, teilen wir eine konzep-tionelle Sensibilität und repräsentieren wir uns alle als Künstlerinnen.
Welche Rolle nimmt die Performance in euer Musik ein?

JD: Unsere Performance setzt sich aus Playback und einem gewissen Bühnenspektakel (Showelemente, synchronisierte Tanzschritte, Kostüme) zusammen, die zu dem Gefühl beitragen, dass sie wie ein "Fake" wirkt. Bei Le Tigre ist die Mehrheit der Instrumen-tation, die hauptsächlich elektronisch ist, eher vor-programmiert als live, in diesem Sinn haben wir die Rockauthentizität aufgegeben. Aber sind wir noch immer eine "echte" Band, weil wir (und nicht Männer im Hintergrund) unsere Tracks produzieren? Was ist nun feministische Authentizität? Das ist eine Idee, die wir durch die Performance unserer Musik gleichzeitig vorschlagen und unterwandern. Le Tigre nimmt also an einem dekonstruktivistischen Diskurs teil, obwohl wir diesen mit dem aufrichtigen Wunsch, Pop für ein feministischen Publikum zu machen, kombinieren.
Feminist Sweepstakes, Chicks On Speed Records/Ixthuluh