| Mehr als 30 Jahre nach dem Aufkommen von Disco als vielgerühmte Minderheitenkultur
wurde sie zu einem fixen Teil in der Musikgeschichte. Diese Selbstverständlichkeit
herrschte nicht immer vor, denn weder einschlägige Musikmagazine noch
die Cultural Studies schenkten dem damals neuen Genre größere
Aufmerksamkeit. Für MusikjournalistInnen war Disco die Antithese zum
ernsthaften Rock und das Interesse der Cultural Studies galt den Jugendsubkulturen,
zu denen Disco als Schwarze und schwule "Erwachsenenkultur" kaum
zu zählen war. Auch Johnny Rotten und Steve Dahl hielten bekanntermaßen
nicht hinterm Berg mit ihrer Abneigung. Disco war umzingelt von Feindschaften,
die sich in Graffiti-Aufschriften und Badges mit Parolen wie "Disco
Sucks" und "Death Disco" sowie Anti-Disco-Kampagnen ausdrückten.
"Thrilling, dirty and non blond"
Disco etablierte soziale, identitätsstiftende Orte für Schwarze
und schwule Minderheiten. "Disco was thrilling, dirty and non blond",
schreiben Bill Brewster und Frank Broughton in ihrer Monografie Last
Night A DJ Saved My Life und stellen einen unmittelbaren Konnex zu
Stonewall, dem Aufstand der Homosexuellen am 27. Juni 1969 in New York,
her. Disco galt als kultureller Zusatz zur aufkommenden Homosexuellenbewegung
in den USA und drückte den "Vergnügen-ist-Politik"-Ethos
der Stonewall-Kultur aus. Dass sich politische Einstellungen und Kritik
am herrschenden Establishment nicht zwangsläufig über Demonstrationen
und Flugblätter mitteilen müssen, fand mit Disco im Anschluss
an die afroamerikanische Subkultur einen Anfang. Seit den 1960er Jahren
bildeten Diskotheken in Form der "Records Hops" in der Schwarzen
populären Kultur dauerhafte Institutionen. Die dort bevorzugt gespielte
Musik war "Party Music", was nichts anderes als eine rhythmusbetonte
Mischung aus schnellem Soul und Funk war.
Zu einer Zeit als "being gay meant legally gray" bedeutete,
eröffnete eine Drag Queen namens Shelly das Sanctuary, eine
der ersten schwulen Diskotheken in New York. Schwule, Drag Queens und
AfroamerikanerInnen sorgten für die "Party Music" und eine
emotional aufgeladene Stimmung in dem für die Öffentlichkeit
verruchten Lokal der Prä-Disco-Ära. Die Veranstaltungen im Disco-Format
überzeugten viele BetreiberInnen von Nachtlokalen und es entstanden
weitere Diskotheken wie das Better Off oder das bekannte Studio
54. Zeitgleich bildete sich auf New Yorks Fire Island eine der weltweit
ersten signifikanten Gay Communities heraus.
Hedonismus und Politik
Richard Dyer erkannte bereits in seinem 1979 erschienen Artikel In
Defense Of Disco die Bedeutung von Disco für eine schwule Kultur.
Die repetitiven Rhythmen, denen sich die Disco-BesucherInnen bereitwillig
unterwarfen, ließen eine schweißtreibende Erotik entstehen
und schafften ideologische Räume für Minderheiten in einer sonst
feindlichen Umwelt. Allerdings wird dieser Kanon durch neuere Buchveröffentlichungen
wie Love Saves The Day. A History of American Dance Music Culture,
1970-1979 von Tim Lawrence in Frage gestellt: "Few of the discotheque's
dancers would have been engaged in activist-style politics, just as few
of the activist would have spent much time in the West Forty-third Street
club." Welchen Einfluss hatte das New Yorker Greenwich Village nun
wirklich auf die sexualisierte Schwarze und schwule Clubkultur? Eine Frage,
die zwangsläufig in eine Aufspaltung von Hedonismus und Politik mündet
und bei den Rekonstruktionen von Disco immer wieder neu beleuchtet wird.
"Disco war keine Gegenkultur und nur bedingt eine Jugendkultur",
meint Tom Holert dazu in einem "Disco-Special" des Spex-Magazins
von 1996.
Wie immer sich auch die politischen und personellen Überschneidungen
von Disco zur Schwarzen Bürgerrechtsbewegung und zur Gay Community
gestalteten, einen zentralen Einbruch erlitt die ungehemmte Feier der
Schwulen bei der nächtlichen Suche nach ihrer Identität, als
es Anfang der 1980er Jahre die ersten offiziellen AIDS-Toten gab. AIDS,
umgangssprachlich unter dem homophoben Begriff "Schwulenkrebs"
("Gay Cancer") bekannt, breitete sich schneeballartig in der
Schwulenszene aus und mehr als die Hälfte der homosexuellen Männer
infizierten sich mit der tödlichen Krankheit. Ein weiterer Grund,
um der Antipathie gegen Disco freien Lauf zu lassen. Das geschah zu einer
Zeit, als sich die spezifische Veranstaltungsform der Diskothek bereits
in der nächtlichen Unterhaltungskultur nachhaltig etabliert hatte
und eine erste Neuorientierung innerhalb des musikalischen Genres mit
Remixen von Let No Man Put Asunder von First Choice und Love
Sensation von Loleatta Holloway einsetzte.
Disco Fever
Frühe Disco-DJs wie Francis Grosso, David Mancuso, Larry Levan oder
Frankie Knuckles wurden im Umfeld der ersten Discotheken wie dem Sanctuary
musikalisch sozialisiert und verdrängten in den 70er Jahren mit ihren
Schallplatten allmählich die Live-Musik aus den Clubs. Sie navigierten
und manipulierten die Tanzenden auf ihrer Flucht vor dem nervtötenden
Alltag und der Suche nach einem idealen Sexpartner. Dabei entwickelten
sie erste Grundsteine der zeitgenössischen Mix-Tricks aus einer Notwendigkeit,
um aus den für das Radio produzierten und nicht länger als drei
Minuten dauernden Singles einen durchgängigen Mix zu kreieren. Improvisationstalent
und ausführliche Kenntnis der Platten waren allerdings die Voraussetzungen
für gekonnte Übergänge und einen notwendigen Aufbau aus
Monotonie und Spannung. Publikum und DJs tauchten in einen hedonistischen
Soundtrack für die Nacht ein, der mit den ersten Disco-Remixen, der
Erfindung der 12-Inch-Single und den Songs nach dem begehrten Disco-Strickmuster
eine Wendung nahm.
In der zweiten Hälfte der 70er Jahre wurde "Disco" zu einem
Lifestyle, einem Lebensgefühl und einer Mode für ein vorwiegend
weißes Mittelschichtpublikum. Das "Disco Fever" hatte
Europa und den Mainstream erreicht und die Tage des euphorischen Wartens
auf "Thank God It's Friday", um den Körper bereitwillig
der Musik zu unterwerfen, wurden zu den neuen Grundpfeilern der Popkultur.
Sängerinnen wie Donna Summer und Gloria Gaynor profitierten vom Disco-Fieber
und wurden von der Gay Community zu Diven stilisiert, während Musiker
wie James Browm mit Unverständnis und Verärgerung auf den neuen
Hype reagierten: "I was trying to make good hard funk records that
Polydor was trying to soften up, while the people were buying records
that had no substance."
Der Sprung in den Mainstream
Die Aneignung von Minderheitenkulturen wie jene der AfroamerikanerInnen
oder Homosexuellen durch weiße Mehrheitsangehörige gehen mit
Dekontextualisierungen und Wiederaneignungs-prozessen einher. HipHop,
das heute wohl meist diskutierte Beispiel für derartige Bewegungen
innerhalb des Popfeldes, zeigt, dass der Transfer in die globale Ökonomie
unmittelbar mit Aneignung und Adaption marginalisierter, kultureller Ausdrucksformen
verbunden ist. Dennoch kann kulturelle Identität, Stuart Hall zufolge,
"nicht mehr als Bewahrung eines Wesens oder einer ursprünglichen
Essenz gedacht werden". Dekontextualisierungen ziehen sich konstant
durch die Popgeschichte, schreibt auch Ulf Poschaft in seinem Buch DJ
Culture, denn Rock'n'Roll war die Dekontextualisierung von R&B,
weißer Soul war die Dekontextualisierung des Schwarzen Soul usw.
Beispiele lassen sich viele finden. Im Falle von Disco schlitterten Schwarze
und schwule Identitäten in den Mainstream. Allerdings ignorierte
das "Normalo"-Publikum schlichtweg die sexualisierte Leidenschaftlichkeit
der Bands und setzte die Musik für die altbekannte Inszenierung von
Heterosexualität ein. Obwohl Bands, Musiker und DJs wie Village People,
Sylvester oder Frankie Knuckles gar nicht erst versuchten, Normalität
und Heterosexualität vorzutäuschen, konnten sie im Mainstream
kaum auf ihre kulturellen Identitäten beharren. Diese existierten
weder für die Plattenfirmen noch für das Hetero-Publikum. Der
Sprung von Disco in den Mainstream bedeutete eine Musik, einen schwulen
und Schwarzen Lifestyle und eine Mode zu transportieren, welche vom Publikum
zwar angenommen, aber nicht mit marginalisierten, kulturellen Identitäten
in Verbindung stand.
Mainstream der Männlichkeiten
Im Unterschied dazu eignen sich heute Gangsta Rap und Street Style allemal
besser als Identifikationsfolie. Die Härte und Coolness Schwarzer
Rapper gelten als Eigenschaften einer hegemonialen Männlichkeit,
während schwule Identitäten eher dem homophoben Beigeschmack
von "Weicheiern" ausgeliefert sind. Obwohl Segmente der Popkultur
ab und an eine Tür für Transgressionen von Geschlechtergrenzen
öffnen, setzen sich letztlich immer wieder machistische Stereotypen
und Vorbilder durch. Das geschieht im Rock und Pop ebenso wie in der zeitgenössischen
Clubkultur, zu deren Wurzeln bekanntlich auch Disco zählt. Dekontextualisierung
und Wiederaneignung von Minderheitenkulturen im Popfeld stehen somit immer
in Verbindung mit einer gegenwärtig etablierten Männlichkeit.
Es werden daher jene Stile und Praxen angeeignet, die einer hegemonialen
Männlichkeit Vorschub leisten anstatt diese zu überwinden; die
ideologischen Inhalte von Minderheitenkulturen bleiben dabei meist auf
der Strecke. Eines der bekannten Beispiele für eine Dekontextualiserung
von Disco ist die Verfilmung Saturday Night Fever. Der Regisseur
John Badham versucht das Disco-Fieber mit John Travoltas einstudierten
Tanzeinlagen, Disco-Musik, Glitter und Glamour einzufangen. Der Film bleibt
jedoch nicht eine oberflächliche und klischeehafte Darstellung einer
Minderheitenkultur. Vielmehr wird der homosexuelle und Schwarze Entstehungskontext
von Disco durch einen weißen, heterosexuellen Hauptdarsteller auf
der Suche nach Selbstverwirklichung und der großen Liebe ersetzt.
Für Travolta, der zwar auf die Frage nach seiner beruflichen Zukunft
mit "Fuck the Future" antwortet, neigt sich der Eskapismus einem
Ende zu als er eine Frau in der Disco kennenlernt. Der nächtliche
Lebensraum der Disco, der Ruhm, Anerkennung und Erfolg verspricht, weicht
einer Annäherung an eine bürgerliche Welt, in der Frauen geheiratet
werden wollen und Männer das Geld für die Familie verdienen.
Disco als identitätsstiftender Ort für Schwarze und Schwule
wurde in Saturday Night Fever zu einer weißen, bürgerlichen
Popkultur für die Inszenierung einer hegemonialen Männlichkeit.
Es verwundert daher kaum, dass bei allen Retro-Disco-Bewegungen zwar die
begehrten Disco-Beats adaptiert werden, die einstigen Schwarzen und schwulen
Entstehungskontexte - mögen sie noch so hedonistisch und sexualisiert
gewesen sein - bleiben indes unbeachtet.
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